Neulich im Taxi

Taxifahren in Berlin ist mitunter lebensgefährlich. Mal wieder einen Fahrradfahrer umkarren, ist da sicher noch die harmloseste Begebenheit. Meine Angewohnheit, mit Taxifahrern Gespräche zu führen, ist eine natürliche Reaktion darauf. Zum einen hilft es, die Gefahr besser einzuschätzen, weil man ziemlich häufig erfährt, ob das Leben für den Kutscher überhaupt noch Sinn hat. Zum anderen lenkt es von der eigenen Angst ab. So kam es eines Tages, dass ich dem Fahrer die Frage stellte, was er denn eigentlich noch so treibe. Das ist eine heikle Situation während der Fahrt. An dieser Stelle kann viel passieren. Von unangekündigten Heulattacken, über sofortigen Selbstmordgedanken bis hin zu großzügigen Zuwendungen gab es alles schon, zumindest in meiner Fantasie. Jedoch muss ich für eine vollständige Risikoanalyse auch in diese Wunde meinen Finger legen. Ob ich will oder nicht.
Als ich neulich auf einer Fahrt ins Wochenende diese Frage stellte, war ich überrascht, dass der Fahrer sich als Musiker ausgab. Er erzählte von der Opferbereitschaft, die er für seine Musik an den Tag legte. Ich sprang ihm zur Seite, gab mich als Freund guter Musik zu erkennen und pflichtete bei, dass ich Leidenschaft als Teil der Kunst für zwingend notwendig halte. Alles was unterhalb von Ohr abschneiden bleibt, kann ich bestenfalls als angepasst und spießig bezeichnen. Wir waren uns einig. Für Musik zu sterben ist eine Ehre. Er erzählte mir von Doppelbelastung, Übermüdung, Hunger, Einsamkeit und Selbstzweifel. Ich lauschte seinem Monolog und fragte mich, ob sich hier die Möglichkeit bot, dem van Gogh der Musik im 21. Jahrhundert in der schwersten Phase seines Lebens zur Seite zu stehen und damit selbst als Mentor in die Geschichte einzugehen. Alles was es im ersten Schritt brauchte, waren warme Worte und etwas Zuspruch. Ich fragte ihn, in welcher Musikrichtung er sich selbst ansiedeln würde und hoffte auf wenigstens mäßiges Elektro, vielleicht überraschend guten Indierock oder sogar völlig unterbewertete Singer-Songwriter-Werke. Er weckte mehr Interesse als erwartet als er „Experimental Music“ als grobe Richtung vorgab. Erneut überkam mich die Angst, in diesem Taxi zu sterben. Und es kam noch schlimmer: Er fragte mich, den Ekel in meinem Gesicht übersehend oder ignorierend, ob ich mal was von ihm hören wolle. Er hätte zufällig gerade ein neues Werk dabei. „Ich? Jetzt? Ja klar. Super! Gern! Das ist ja ein toller Zufall. Das wäre echt klasse. Super. Mensch. Toll.“ Ich blicke aus dem Fenster in die Stadt. Noch etwa 10 Minuten Fahrt, wenn der Stau auf der Karl-Marx-Allee nicht zu lang ist. Er suchte eine CD. „Ach naja.“, versuchte ich zu beschwichtigen und damit mein Fell, im Speziellen mein Trommelfell, zu retten. „Ist nicht schlimm, wenn du jetzt nichts dabei hast. Ich höre es mir auf MySpace an. Du hast bestimmt dort ne Seite, oder?“ Er suchte weiter und drohte damit, die CD gleich gefunden zu haben. Noch acht Minuten bis zur Rettung. „Ich notiere mir einfach schon mal die Adresse, dann musst du jetzt nicht ewig suchen. Ich habe sogar einen Zettel. Vielleicht hast du ja mal eben einen Stift.“ Doch der Folterknecht durchschaute meine geschickte List und tat so, als ignoriere er meinen Vorschlag. Ich gab vor, einen Zettel aus meiner Tasche zu holen, löste aber den Gurt. Noch etwa fünf Minuten Fahrzeit. Den Rest von hier würde ich laufen können, nachdem ich das Geld als Ablenkung auf den Beifahrersitz geworfen und aus dem fahrenden Wagen gesprungen wäre. Dann wäre ich zwar später als erwartet bei meiner Familie, aber in Sicherheit und körperlich weitgehend unversehrt. Die Gedanken an meine Lieben gaben mir Kraft, ließen mich aber für einen Augenblick unaufmerksam werden. Der Schurke nutzte das eiskalt, zog das als CD aufgemachtes Folterwerkzeug aus der Lücke zwischen seinem Sitz und der Mittelkonsole. Er legte sie in das Radio. Als das silberne Ding im Schlitz der Anlage verschwand, sah ich mein Leben an mir vorbeiziehen. Meine Kindheit am Meer, die Jugend in der Großstadt, meine geliebte Frau, meine noch ungeborenen Kinder. Hatte ich ihnen oft genug gesagt, dass ich sie liebe? Gerade als die ersten Klänge des Horrors auf meine Ohren einwirkten und begannen mir nachhaltig zu schaden, bog der Taxifahrer rechts ab und übersah dabei natürlich einen Radfahrer, der wild meckernd und gestikulierend gerade noch ausweichen konnte. Mit letzter Kraft und dem Mut der Verzweiflung warf ich dem Monster mein Portemonnaie an den Kopf, öffnete die Tür, griff im Fallen nach meiner Tasche und rollte auf dem Boden ab. Ich sprang auf und rannt so schnell mich meine Beine trugen in Richtung Heimat. Dort wechselte ich vor dem Betreten der Wohnung alle Namensschilder aus und sicherheitshalber auch die Schlösser. Erst betrat ich die Wohnung und tat so, als sei alles wie immer und vergab unter einem Vorwand die neuen Schlüssel und Namen. Erst jetzt finde ich die Kraft, über all das zu schreiben. Und die Moral von der Geschichte, wenn ihr in Berlin Taxi fahren müsst: Haltet einfach die Klappe.

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