Der Umkehrschluss

von Sebastian

Wer gelegentlich mit Juristen zu tun hat, kennt zwangsläufig den Umkehrschluss. Nur allzu gerne verwendet der gemeine Jurist dieses äußerst einfache und handliche Instrument der logischen Argumentation. Obwohl kein Jurist, habe auch ich mich in der letzten Zeit häufiger damit beschäftigt.
Im Frühjahr hat mir dazu mein Kumpel Matthias aus Braunschweig den Anstoß gegeben, der ein glühender Eintracht-Fan ist. Anlässlich der ausgiebigen Feierlichkeiten zum Bundesligaaufstieg habe in einer örtlichen Zeitung gestanden, dass Braunschweig im Moment das Rio des Nordens sei. Heißt das – fragte Matthias mich darauf hin – im Umkehrschluss, dass Rio das Braunschweig des Südens ist? Interessante Frage… Vermutlich könnte Rio das Braunschweig des Südens werden, wenn die Brasilianer bei der WM in der Vorrunde ausscheiden… Ich vermute aber ohnehin, dass sich der Anteil der Rio…nesen, die mal etwas von Braunschweig gehört haben, reziprok zu dem Anteil der Braunschweiger verhält, die mal etwas von Rio gehört haben (genaue Zahlen hab ich aber natürlich nicht…). Wie nennt man eigentlich die Bewohner Rios? Rioer? Rioraner? Rio Reiser? Egal, ich schweife zu sehr ab…
Der zweite Umkehrschluss, der sich mir aufdrängte, hat wieder internationalen Bezug. Ein Kabarettist im Fernsehen sinnierte darüber, dass sich deutsche Frauen gerne chinesische Schriftzeichen überall hin tätowieren lassen. Sehr oft handele es sich bei den Schriftzügen um Lebensweisheiten. Da fragt man sich doch automatisch, ob sich chinesische Frauen gerne deutsche Lebensweisheiten auf den Leib tätowieren lassen. So schöne Dinge wie: „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“ oder „Käse schließt den Magen“? Auch das wäre doch mal eine nähere Betrachtung wert. Möglicherweise ist auf Chinesinnen aber für die etwas sperrigen und ausladenden deutschen Weisheiten zu wenig Platz. Manchmal scheitern auch die schönsten Dinge eben an praktischen Unzulänglichkeiten.
Nachdenklich machte mich neulich auch ein Werbespot während der Sportschau: „Nette Menschen trinken gerne Kümmerling (gesungen)“. Hier sind vor allem drei Umkehrschlüsse denkbar. Zunächst müssen wir aber mal definieren, was das Gegenteil von „nett“ ist. Böse? Nein, das ist ja gut. Unsympathisch? Nein, das ist ja sympathisch. Bleiben eigentlich nur doof, bescheuert und blöd. Nehmen wir das nicht so ganz hart daherkommende doof. Wenn nette Menschen gerne Kümmerling trinken, dann…
…trinken doofe Menschen ungerne Kümmerling?
…trinken nette Menschen ungerne keinen Kümmerling (z.B. Underberg)?
Beide Umkehrschlüsse sind kaum haltbar. Es gibt mit Sicherheit viele doofe Menschen, die sehr gerne Kümmerling trinken. Wie will man das auch an der Kasse kontrollieren? Steht ja schließlich nicht im Ausweis (obwohl das hie und da sicher wünschenswert wäre). Genauso trinken nette Menschen sicherlich auch mal gerne etwas anderes als Kümmerling. Auf einem Bein kann man ja schließlich nicht stehen.
Der dritte und wichtigste Umkehrschluss hierzu aber lautet: Wer keinen Kümmerling trinkt, ist kein netter Mensch. Na, da fühle ich mich doch etwas auf den Schlips getreten! Schließlich bevorzuge ich wenn überhaupt Jägermeister (bitte eisgekühlt). Habe in meinem Leben noch keinen Kümmerling angerührt – soweit ich mich erinnere. Aber genau das will diese perfide Werbung wahrscheinlich erreichen: Dass ich mich beuge und anfange, Kümmerling zu trinken, viiiiel Kümmerling! Je mehr, je netter! Aber da stehe ich drüber. Da kann die alberne Flasche in dem Spot auch noch so viele Fußbälle virtuos rumschießen. Festzuhalten bleibt: Auch dieser Umkehrschluss geht ins Leere. Oder will jemand ernsthaft widersprechen?
Im Ergebnis zeigt sich, dass viele Umkehrschlüsse genauso gut funktionieren wie der Trugschluss, man würde bei der Betrachtung eines Fotos vom Brandenburger Tor die Siegessäule sehen können, wenn man sich umdreht… „ES SEI DENN,“ höre ich die Juristengemeinde mir nonchalant ins Wort fallen, „der Betrachter des Fotos steht gerade tatsächlich auf der Straße des 17. Juni mit Blickrichtung Brandenburger Tor, könnte doch sein.“ Als sie dies sagen, rollen sie mit den Augen ob meines unzulänglichen und nicht wasserdichten Fallbeispiels… daher gebe ich es nun dran und höre auf zu spaßen.
Zum Schluss noch etwas Ernstes, denn man darf die schlimme Aktualität nicht so einfach ausblenden. Syrien steht möglicherweise ein Militärschlag bevor, da Hunderte oder Tausende durch einen Giftgaseinsatz getötet wurden. Ein furchtbares Verbrechen und es interessiert mich überhaupt nicht, wer nun damit rumhantiert hat. Ein Verbrechen, das die internationale Staatengemeinschaft nun handeln lässt, da ein Giftgaseinsatz moralisch nicht akzeptiert werden kann. Heißt das im Umkehrschluss, dass die 100.000 Menschen, die bisher „konventionell“ mit Kalaschnikows, Heckler&Kochs, Mörsern und Raketen getötet wurden, moralisch hinnehmbar waren und kein Handeln der Staatengemeinschaft erforderten? To be discussed.

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