Samstags zu IKEA

Wir(!) und ihre(!) Mama waren am Samstag bei IKEA. Eigentlich gibt es ja nichts dümmeres, als an einem Samstag zu IKEA zu fahren, aber wir wollten, wie immer, nur schnell was gucken und eigentlich gar nichts kaufen außer eins, zwei Duftkerzen. Jedoch lernten wir, dass der schwedische Verkaufsgenius sich immer neue und noch perfidere Tricks einfallen lässt, um einem das Geld aus der Tasche zu ziehen und dabei auch noch ein gutes Gefühl gibt. Mit anderen Worten – ich liebe IKEA.

 

Es hat mich eine Weile gekostet, um mich daran zu gewöhnen, dass ich hier geduzt werde. Aber sie(!) erinnerte mich daran, dass es in unserem geliebten Schweden nun mal so üblich ist und ich, als selbsternannter Südschwede, müsste das eigentlich akzeptieren können. Bei meiner Fischkoppehre gepackt, würge ich nun jedes Mal meinen Unmut über die Duzerei herunter und freue mich – Hej och vramt välkommen till IKEA. Nach einer Weile schaltete ich, wie immer, auch letzten Samstag in den IKEA-Familiy Card Modus und packte, entgegen aller Vorsätze, Dinge in unseren Wagen, die eigentlich nicht gebraucht wurden, wie zum Beispiel Sparka

 

Als wir uns fast am Ende des Rundgangs befanden, zerstörte eine Durchsage unsere heile Einkaufswelt. „Der kleine Eddie, 4 Jahre, wird gesucht. Er trägt einen gestreiften Pullover und eine grüne Mütze. Seine Eltern befinden sich vorm Småland.“ Für einen kurzen Moment hörte die Welt sich auf zu drehen. Allen Menschen die auch nur einen Hauch Empathie haben, schossen die Tränen in die Augen. Es war, als zerreiße die blechende Stimme, die aus der Lautsprecheranlage krächzte, jedem Besucher vom Bettenparadies bis Elga-Regal-Lagerregal (fast ein doppeltes Palindrom) das Herz. Verstört begann ich über den Sinn und Unsinn meines Lebens zu sinnen und fragte mich, wie es sein kann, dass ich mal wieder über den Kauf eines neuen Schreibtisches nachdenke, wenn der kleine Eddie elternlos durch das endlose Labyrinth der Konsumhölle irrte. „Ich wiederhole, der kleine Eddie befindet sich vorm Småland und sucht seine Eltern. Er trägt einen gestreiften Pullover und eine Mütze in grün.“ Erste Zweifel kamen in mir auf. Wer steht denn nun vorm Småland, Eddie oder seine Eltern oder vielleicht beide? Die Menschen um mich herum schienen den ersten Schock überwunden zu haben. Tatendrang machte sich breit. Nur mit Mühe konnte ich meine beiden Begleiterinnen davon abhalten, alle Billyregal aufzubauen. Sie wollten sicherstellen, dass Eddie nicht in einer der Kisten hockte und weinend auf sein Ende wartet.

 

Fakt war, dass die Stimmung sich wandelte. Ernsthaftigkeit machte sich breit und ich erlebte ein Zusammenwachsen, wie ich es zum letzten Mal bei der großen Oderflut empfunden hatte. Bürgerwehren wurden aufgestellt, Verdächtige verprügelt und ein Blick auf den Parkplatz verriet mir, dass erste Verkäufer begannen, die Fluchtwege vom Parkplatz mit brennenden Autos zu verbarrikadieren.

 

Kurz bevor ein unsympathisch angezogener Mann erschossen werden sollte, krächzte es erneut aus den Lautsprechern. „Liebe Kunden. Der kleine Eddie ist wieder bei seinen Eltern und wohlauf. Vielen Dank für Ihre Unterstützung.“ Was nun folgte, war mit Worten nicht zu beschreiben. Weil ich damals für eine Kunstleistungskontrolle lernte, war ich zwar selbst nicht dabei, aber so muss der 9.November 1989 gewesen sein. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen und warfen ihre Kleider ab. Statt Sekt wurden Kalle-Ersatzkaviarduschen angezettelt. Die Menschen verfielen in einen Rausch der Glückseligkeit. Etwas befremdet zog ich mich in den Bereich der Töpfe und Bestecke zurück – hier ist es immer etwas leerer als bei den Kerzen – und beobachtete, wie die Menschen voller Freunde und Glück total sinnentleert unnützes Zeug in ihre Wagen warfen. Zwar tun Menschen das oft bei IKEA, aber so schlimm wie heute war es noch nie. Schnell wurde mir klar, dass es diesen Eddie nie gegeben hatte. Zu offensichtlich waren die Anzeichen, dass alles nur eine Psychomasche war, um Menschen durch ein Wechselbad der Gefühle in einen Kaufrausch zu versetzen. Die Verwechslung der Personen vorm Småland, der Name Eddie und vor allem die grüne Mütze – wie soll das den aussehen? Das konnte nicht wahr sei.

 

Ich packte die beiden Damen, rannte zur Selbstbedienlaserkasse, stritt kurz mir ihr(!), wer den Scanner bedient, zahlte Sparka, die Kerzen, die Teelichter, die Plastikbecher, den Tritthocker Bikväm – falls mal was ist – und die beiden Rahmen mit dem New York Bildern und verschwand zum Kuchenessen bei Opa Egon.

 

Nie wieder werde ich zu IKEA gehen und mich einer derartigen Gehirnwäsche aussetzen. Nie wieder – bis die Duftkerzen verbraucht sind. Dann muss ich aber. Aber nur wegen der Kerzen. Und vielleicht um schnell mal was zu gucken.

 

 

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