Die Hochzeits- geschichte

Die legendärsten Geschichten beginnen meist mit der Darstellung eines menschlichen Beziehungskonstruktes, welches zum einen die Aufgabe hat die folgende Erzählung glaubhafter erscheinen zulassen und zum Anderen den Bekanntenkreis vorzustellen, um vielleicht dadurch mit Vernetztheit zu imponieren. Bei einigen Menschen führt das allerdings dazu, dass man diese Einleitung auch als Signal versteht, die nachfolgende Sendung einfach ohne weitere Fragen und geheucheltes Interesse über sich ergehen zu lassen. Ein Indikator für diese Art von Signalen sind meist seltene, mitunter sogar fiktive, mit Sicherheit aber immer nicht direkte Verwandtschaftsverhältnisse. Beispiele hierfür sind der gern genommene Großcousin oder aber der Bruder des Schwagers. Sobald Kollegen oder Freunde von direkten oder indirekten Familienangehörigen ins Spiel kommen, sollten alle Alarmglocken läuten und die Glaubwürdigkeit nicht nur infrage gestellt, sondern am besten komplett abgestritten werden. Manche Geschichten sind jedoch so schön und erzählenswert, dass der Leser sich von der folgenden Einleitung nicht abschrecken lassen sollte.

 

Die Freundin der Schwester einer Kollegin, gleichzeitig Freundin von uns(!) und Ehefrau eines Kollegen, ebenfalls gleichzeitig ein Freund von uns(!) arbeitet in London als Polizisten. (Anm. d. Autoren: Ich denke, diese Darstellung rechtfertigt die Präambel.) Besagte Kollegen und gleichzeitig Freunde erzählten mir über ihren Aufenthalt in London und berichteten von einer Party bei einem Polizisten und Kollegen der Freundin und Schwester. Auf dieser Party erfuhren Sie vom Gastgeber, seines Zeichens ja nicht nur Polizist, sondern auch Kollege der Freundin der Schwester meiner Kollegen und gleichzeitig Freunde, dass ein Freund vom ihm heiraten wollte und dazu lange im Voraus einen Festsaal mietete. Wenige Wochen vor dem avisierten Eheschließungstermin rief der Betreiber des Festsaales bei ihm an um höflich anzufragen, unter welchen Bedingungen der zukünftige Ehemann bereit wäre, auf den vereinbarten Termin zu verzichten, diesen zu verschieben oder gänzlich vom Vorvertrag zurückzutreten. Die Antwort ist leicht zu erraten und muss nicht übersetzt werden: „No way!“ Als der Vermieter, er muss mit der Antwort gerechnet haben, dann den Hintergrund seiner Anfrage schilderte, wurde dem Helden der Erzählung offenbar, dass dieser Anruf nicht nur sein Leben verändern würde, sondern dieser Geschichte eine Wendung verleiht, die sie auch für Menschen auf der anderen Seite des Kanals und vielleicht auch auf anderen Kontinenten der Welt erzählenswert macht. Ihm wurde mitgeteilt, dass ein gewisser David Robert Joseph Beckham (OBE) plane, im vorgenannten Festsaal den zehnten Geburtstag eines seiner Kinder zu feiern. Weiterhin stellte er die in diesem Zusammenhang etwas ungewöhnliche Frage nach der Höhe der Hypothek des Hauses, in dem er mit seiner Ehefrau in spe lebe. Der Baldbräutigam nahm die Information zur Kenntnis, gab die Höhe der Hypothek wahrheitsgemäß mit 250.000 £ an, bekam weiche Knie und erfuhr, dass er in Kürze zurückgerufen werde. Wenig später hatte er den Veranstalter erneut am Telefon, um zu erfahren, dass Familie Beckham gern bereit wäre die Hypothek seines Hauses für ihn zu zahlen und außerdem dem jungen Familienglück mit weiteren 15.000 £ unter die dünnen, englischen Mittelstandsarme greifen will, wenn als Gegenleistung die Hochzeit verlegt oder verschoben wird.

 

An dieser Stelle endet die Geschichte allerdings auch schon. Meinem erzieherischen Anspruch werde ich dadurch gerecht, dass ich die Leser ohne Ende zurücklasse und jedem die Gelegenheit biete, sich selbst in die, für manche völlig ungewöhnliche, Lage eines Mannes im Hochzeitsstress zu versetzen. Was bleibt sind Fragen über Fragen:

 

·     Warum hab ich nicht das größere Haus gekauft, wenn der blöde Beckham es ohnehin zahlt?

·     Warum habe ich den Fehler gemacht und die Wahrheit über die Hypothek erzählt, wenn der Typ gleich noch einmal 15.000 Eier drauflegt?

·     Warum feiern die Beckhams die Geburtstage ihrer Kinder nicht in Deutschland?

·     Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Uwe Ochsenknecht bei uns anruft, um seiner verzogenen Brut einen standesgemäßen 20. Geburtstag zu verschaffen?

·     Entspricht die Resttilgungssumme in Deutschland der Hypothek in England?

·     Sollten wir uns den Betrag in Euro auszahlen lassen oder besser gleich in Gold?

·     Stimmt es, dass wir alle käuflich sind und unser Leben ein Tante-Emma-Laden, in dem David Beckham kaufen kann, was er will?

 

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Geschichte so unglaublich klingt, dass sie wahr sein muss. Vielleicht erzählt man sich in einem Jahr auch die Geschichte eines Ehemannes der Freundin einer Freundin eines Kollegen, der seine Hochzeitslokation in seiner Stadt an einen Spieler von Union Berlin abgetreten hat, für eine Dauerkarte im Gästeblock und eine Tafel Schokolade.

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