Die Welt der Zahlen

Wie unromantisch die Wirklichkeit manchmal ist. Seit Jahren laufe ich durch die Kauflandfilialen dieser Stadt und kann dem Einkauf meist nur wenig Aufmerksamkeit widmen. Das einzige vorauf ich mich konzentrieren kann, sind jene vier schwarzen Ziffern auf gelben Grund über den Hinterrädern der Kaufkaufswagen, die sooft im Zentrum meiner Gedanken standen. In bunten Bildern malte ich mir aus, wofür diese Zahlen stehen würden.

Mal war es ein Incentivierungsprogramm für die Kassierer der Filiale, dessen Methodik, dem Bingo nicht unähnlich, dem Kassierer zum Vorteil gereichte, der als erster des Tages die ersten 250 Stellen der Zahlen Pi, auf den Wagen ablesen konnte. Zu gewinnen gab es täglich einen Warengutschein über eine Flasche Wein, ein Paar Fitnessschuhe, einen Bademantel, ein Bügeleisenset inklusive Bügelbrett und Verlängerungsschnur, ein Wäschetrockner, ein DVD-Player inklusive der beiden Filme Wedding Planer und 300 sowie einen Obstkorb. Insgesamt also Waren im Wert von 23,99 EUR.

An anderen Tagen steckte hinter den Zahlen nur eine ausgeklügelte Geheimsprache, die Eingeweihten verriet, ob ich Kreditwürde bin und es sich überhaupt lohnt mir die Frage „Waren Sie mit Ihrem Einkauf zufrieden, haben Sie alles bekommen?“ zu stellen. Gemessen wurde die Kreditwürdigkeit übrigens mit Schweißrezeptoren auf dem Griff des Einkaufswagens und mit Hilfe eines GPS-Empfängers. Die Schweißbildung des „Kunden“, der in diesem Fall eher als Verdächtiger zu betrachten ist, wird in Abhängigkeit zu den Produkten und Preisen an denen er vorbeiläuft, betrachtet, ausgewertet und zu einem Urteil über die Kreditwürdigkeit zusammengefasst.

Meine dritte Theorie verdeutlicht, dass man manchmal seine Arbeit nicht immer im Büro lassen kann. Mit Hilfe der schwarzen Zahlen wird der Wagenumschlag mit der Kennzahl RoST (Return of Shopping Trolley) gemessen und über den EpIC (Earings per Indicated Cart) zur Spitzenkennzahl aller deutschen Supermarktcontroller EDECA (Earings During Every Common Arbeitstag) verdichtet.

Aber wie schon gesagt, die Wahrheit ist oft unromantisch. Ich musste erfahren, dass die Zahlen ein Ausdruck des allgemeinen Misstrauens sind. Der Blick auf die Zahlen soll den per se faulen Kassierer dazu bewegen seinen Arsch zu heben um in den Wagen zu schauen, ob nichts geklaut wird. Die Nummer die er dann in die Kasse eingibt dient wiederum als Kontrolle des Kassierers. Denkt er sich die Zahlen nur aus, werden mit einer anderen Häufigkeit bestimmte Zahlen getippt, als würde er die Zahlen tatsächlich vom Wagen ablesen. Fällt der Kassierer mehrfach ungenehm auf, verliert er seinen Job und ein anderer Student rückt an seine Stelle. Das ist die Wahrheit – und ich dachte immer meine Versionen wären paranoid.

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